• Charlotte Regner

Orientierung in unruhigen Zeiten

Unsere Welt hat sich in den vergangenen Monaten massiv verändert. Kaum etwas ist mehr so, wie es einmal war: Ungewissheit, existenzielle Sorgen, Angst vor Nähe, vor Erkrankung oder Ansteckung, Planungsunsicherheit, familiäre Belastungen, enorme Herausforderungen für unsere Jugendlichen und Kinder und die Frage der Perspektive prägen den Alltag und die Gedanken vieler Menschen. Diese Veränderung macht etwas mit uns. Mit uns allen.


Was ist richtig, was ist falsch? Welche Entscheidung ist sinnvoll, welche nicht?

Auf diese Frage gibt es wohl keine klare Antwort.


Wir Menschen sind unterschiedlich und reagieren in Krisensituationen auch verschieden. Die jetzige Krise betrifft und berührt allerdings so viele Bereiche des menschlichen Zusammenlebens, der menschlichen Existenz, dass wir zumindest etwas brauchen, an das wir uns - jeder Einzelne - und somit als Gemeinschaft etwas orientieren oder halten können. Sonst verlieren wir uns in unendlichen Zahlen, Nachrichten und Meinungen, die wir irgendwann nicht mehr differenzieren oder für uns sinnvoll einordnen können. Das Ergebnis ist oftmals eine Haltung, die in das eine oder andere Extrem tendiert: Von "alles übertrieben, alles nur Manipulation" bis hin zu "Corona ist lebensbestimmend, der Aufenthalt mit unbekannten Menschen in einem Raum ist für mich nicht mehr vorstellbar".

Besinnung auf den inneren Kompass und Toleranz

Einige Menschen haben sich in der Zeit des Rückzugs substantiell verändert: Lebensbejahende, lebenslustige und mutige Menschen sind heute schüchtern, verunsichert, hoffnungslos. Junge wie alte.


Es geht nicht darum, zu beurteilen oder zu verurteilen, ob das Verhalten richtig oder nicht richtig ist. Die Frage, die allerdings bleibt, ist: Kommen wir mit der Situation so zurecht, dass wir trotz allem, trotz aller schwierigen Lebensumstände Momente im Alltag haben, die uns lebenswert erscheinen lassen, Hoffnung geben, Freude bereiten, Mut machen?


Was kann vielleicht dazu beitragen, diese Momente überhaupt zu finden, wahrzunehmen, zu fühlen? Gerade, wenn wir geprägt durch Homeoffice und Abstandhalten, Nähe eher als bedrohlich wahrnehmen?


Ich nenne es "die Besinnung auf den inneren Kompass", das Innehalten und Beobachten von allem, was zeitlich und räumlich direkt um einen herum geschieht, was mit einem selbst ist: Bin ich gesund, geht es einem meiner Nachbarn gut, meiner direkten Familie, habe ich ein Zuhause, das mir Geborgenheit gibt, habe ich mir heute einen Tee gemacht, etwas zu essen, was mir gut getan hat, kann ich mir vor dem Einschlafen ein kleines Ereignis vorstellen, was positiv war? Ein Telefonat, ein Sonnenstrahl, schöne Musik? Hatte ich einen Moment mit meinen Kindern, meiner Familie, der mir in Erinnerung ist, ein Lächeln, eine innere Nähe, Zuneigung? Den "inneren Kompass" wahrzunehmen ist in einer Welt, die sehr von außen bestimmt ist, eine große Herausforderung: Nachrichten, in denen täglich mehrfach Änderungen präsentiert werden, die einen quasi dazu nötigen, sich mit ihnen immer aktuell zu beschäftigen, lenken automatisch von dem ab, was direkt um uns herum geschieht. Vielleicht ist eine Atempause oder zumindest Reduzierung von den Medien schon ein Anfang, den inneren Kompass etwas mehr spüren.

Der "innere Kompass" kann jedem Einzelnen helfen. Unsere Gemeinschaft braucht noch mehr als das. Wenn wir verhindern wollen, dass sich unsere Gesellschaft in dieser Krise noch mehr polarisiert, so erscheint mir besonders wichtig, Mitmenschen mit Toleranz zu begegnen. Das heißt nicht, keine eigene Meinung zu vertreten. Es heißt aber, Verständnis dafür aufzubringen, dass wir alle in einem Wandlungsprozess stecken, von dem wir noch nicht wissen, wo wir als Gesellschaft landen. Bis dahin kann helfen, den jeweils anderen nicht durch Ablehnung und Unverständnis noch mehr in die eine oder andere Richtung zu drängen. So hat jeder die Möglichkeit, seine Meinung zu überdenken, so haben wir vielleicht eine höhere Chance als Gesellschaft, doch zu einer gemeinsamen, einheitlicheren Grundhaltung zu kommen, die es leichter macht, politische, wirtschaftliche und gesellschaftlich-soziale Schritte in die Wege zu leiten.


Für uns selbst, für uns alle, ob jung oder alt.



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